Bilanz der Schwarzburger Gespräche 2014

Nachricht, veröffentlicht von Ines Kinsky am 31.10.2014

Rund 60 Teilnehmer erlebten am 24. und 25. Oktober 2014 mit den vierten Schwarzburger Gesprächen im Bad Blankenburger Allianzhaus eine bemerkenswerte Veranstaltung.

In der Diskussion: Bernd Möller, Fleischrind GmbH Oberweißbach
In der Diskussion: Bernd Möller, Fleischrind GmbH Oberweißbach

Außergewöhnlich war bereits die Eröffnung. Denn da begrüßte ein Landwirt ein Auditorium, das in seiner Zusammensetzung weit über den Rahmen der landwirtschaftlichen Interessenvertretung hinausreicht. Helmut Hercher (Agrargenossenschaft Königsee) sprach in seiner Funktion als Vorsitzender der LEADER Aktionsgruppe Saalfeld-Rudolstadt, einem Verein, der sich der Aufgabe verschrieben hat, Aktionen zur Stärkung der ländlichen Wirtschaft zu verbinden. Der LEADER Verein bildet damit den Rahmen und die Grundlage für Initiativen und Projekte, die Grenzen überschreiten. Grenzen der Zuständigkeiten, Grenzen im Miteinander und Grenzen beim vermeintlich Möglichen. Eine der Initiativen, die auf dem Boden der LEADER Aktionsgruppe gewachsen war, ist die Zukunftswerkstatt Schwarzatal. Ihr Projektantrag „Resilientes Schwarzatal“ wurde am 30. September als Kandidat der Internationalen Bauausstellung Thüringen nominiert.

Schon die Nominierung als mögliches IBA-Projekt zeigt Wirkung. Denn plötzlich steht das Schwarzatal im Fokus der „Welt“. Studenten aus Berlin, Kassel und Jena interessieren sich für das „Resiliente Schwarzatal“ als Thema ihrer Masterarbeit. Studierende aus Deutschland, Venezuela und Bolivien sowie Lehrende der Bauhaus-Uni beschäftigen sich bereits seit einiger Zeit mit der Frage, wie Friedrich Fröbels Philosophie für heutige Generationen greifbar gemacht werden kann. Auch hier hatte eine Nominierung den entscheidenden Qualitätssprung für die Region gebracht. Friedrich Fröbels Idee von Kindheit war im April 2014 für die Thüringer Vorschlagsliste des Immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes ausgewählt worden.

Der Begriff „Resilienz“ ist freilich nicht einfach zu vermitteln. Aber gerade deshalb ist er geeignet, eine Diskussion anzustoßen, die lokale Akteure mitnimmt und gleichzeitig das Interesse der externen Fachleute sichert. Den Einstieg in das Thema hat am Freitag Dr. Wilhelm Klauser (InitialDesign Berlin & Uni Berlin) mit seinem Einführungsreferat gegeben. „Resilienz“ hat das Potential, der fast schon inflationär gebrauchten „Nachhaltigkeit“ den Rang abzulaufen. Resilienz im Kontext der Regionalentwicklung beschreibt das Bemühen einer Region um Widerstandsfähigkeit in Krisensituationen. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass Krise und Rückgang wie Erfolg und Aufschwung zum Leben gehören. Sie sind zu meistern und als Anlass für qualitative und strukturelle Änderungen zu nehmen. Gelingt das, ist eine resiliente Region nach der bewältigten Krise besser aufgestellt als vorher. Das ist eine Aufforderung zum Handeln nach dem Bottom-up Prinzip der LEADER Methode.

Marko Wolfram, unser neuer Landrat, hat die Gelegenheit genutzt, seine Vorstellungen zur Entwicklung des Landkreises darzulegen. Wir freuen uns, gemeinsam mit ihm „Lust auf Zukunft“ Realität werden zu lassen.

Dirk Reichelt, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Kamsdorf, Susann Hörl vom Kreisverband der mittelständischen Wirtschaft und Sascha Schwarze, Geschäftsführer im Flair-Hotel Waldfrieden in Schwarzmühle, vermittelten Ihren Zugang zum Thema. Dabei hat sich eine außerordentlich intensive Diskussion entwickelt. Herzlichen Dank an die Referenten und Diskutanten, die auch problematische Themen und mutige Ideen angesprochen haben.

Bundestags-, Landtags- und Kreistagsabgeordnete haben sich Zeit für die Schwarzburger Gespräche genommen. Carola Stauche (MdB, CDU) und Herbert Wirkner (MdL, CDU) sowie Sebastian Heuchel (Mitglied im Kreistag, Bündnis 90/ Die Grünen) waren aktiv an der Diskussion beteiligt.   

Was Resilienz in der Praxis bedeuten kann, hat Dr. Harald Kegler (Labor für Regionalplanung Dessau & Uni Kassel) am Abend erläutert. Die Universität Kassel ist Kooperationspartner des IBA Projektes „Resilientes Schwarzatal“. Das Treffen am Abend haben die Akteure der Zukunftswerkstatt genutzt, um mit Ulrike Rothe von der Geschäftsstelle der Internationalen Bauausstellung Thüringen, den Faden weiter zu spinnen und natürlich auch, um die Nominierung als IBA-Kandidat zu feiern.

Der Samstag widmete sich Projekten, die einen Beitrag auf dem Weg zu einer resilienten Region leisten könnten. Ines Kinsky hat festgestellt, dass die LEADER Aktionsgruppe das Thema Resilienz derzeit am praktischen Beispiel erprobt. Die alte Förderperiode läuft Ende des Jahres aus. In Thüringen ist es nicht gelungen, die Grundlagen für einen nahtlosen Übergang in die neue Förderperiode zu schaffen. Nun gilt es, die angeschobenen Prozesse über die Förderpause zu retten und damit Widerstandsfähigkeit in einer Krisensituation zu beweisen. Dabei ist es außerordentlich hilfreich, dass in den vergangenen Jahren Wert darauf gelegt wurde, Entwicklungen durch eigenständige Strukturen abzusichern. Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft und der Verein TourismusRegion Rennsteig-Schwarzatal haben sich verselbständigt. Im Zuge der Umsetzung von LEADER Projekten wurden Genossenschaften und Vereine gegründet. Und auch die LEADER Aktionsgruppe selbst ist ein eigenständiger Verein, der sich nunmehr bereits in drei EU-Förderperioden bewährt hat.

Burkhardt Kolbmüller (KulturNaturHof Bechstedt e.V.) informierte über Inhalt und Umsetzungsmöglichkeiten der Streuobstinitiative Schwarzatal. Marion Philipp stellte ihre Projektidee zur Verwertung der Wolle des Thüringer Merino-Landschafes vor. Peter Möller, Geschäftsführer der Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn, ließ die Teilnehmer an seinen Zukunftsvisionen für eine Kooperation Schwarzatal aus Sicht des Engagements eines Verkehrsunternehmens teilhaben.

Prof. Dr. Harald Kunze (Abraxas, Weimar) stellte die Verbindung zu den Entwicklungen am Thüringer Meer her. Zu den Leitprojekten des Regionalen Entwicklungskonzeptes, die eventuell auch in der neuen LEADER Konzeption eine Rolle spielen werden, gehören die „Tore zum Thüringer Meer“. Die Erschließung der Qualitätswanderregion Schwarzatal wird über Wandereinstiege erfolgen. Dr. Till Böttger (at 11, Berlin & Bauhaus-Uni Weimar) stellte den Entwurf der Wandereinstiege vor, dessen Gestaltungsidee auf dem Grundmotiv der Fröbelschen Spielgaben basiert. Der erste Wandereinstieg wird derzeit am Standort Unterweißbach als LEADER Modellprojekt realisiert.

Regina Kräußel, amtierende Verwaltungschefin der VG Bergbahnregion/Schwarzatal, informierte über Ideen zur interkommunalen Kooperation. Ein auf den ersten Blick völlig anderes Thema, das sich aber in der Diskussion als Schlüsselfrage zur Umsetzung innovativer Ideen erwies. Viele gute Ansätze für die Region scheitern letztlich an der Hürde – Hoheitsentscheidung der Gemeinderäte. Ein Systemfehler, der unvermeidbar scheint, denn: Die Stadt- und Gemeinderäte fühlen sich ausschließlich ihrem Ort verpflichtet und sehen ihr Mandat als Auftrag zur Abgrenzung und Konkurrenz zu den benachbarten Orten. Sinnvolle Synergien ziehen dabei im Kampf mit lokalen Egoismen regelmäßig den Kürzeren. Ein Denkfehler mit verheerenden Wirkungen, denn in Zeiten leerer Kassen sollte Aufgabenteilung und Kräftebündelung ein Gebot der Stunde sein.

Hanka Giller (Modellprojekt Demografiemanagement Städtedreieck) von der Stadtverwaltung Saalfeld hat wesentlich dazu beigetragen, die Stimmung nach den Diskussionen um das in weiten Teilen vergebliche Bemühen um interkommunale Zusammenarbeit, wieder aufzuhellen. Die Aktivitäten im Städtedreieck und in der angrenzenden Region zielen im Kern auf die gleichen Themen und Probleme ab. Nun gilt es, Allianzen zwischen den guten Geistern hier und dort zu schmieden. Ein Schwerpunkt der künftigen Zusammenarbeit wurde unter dem Stichwort "Willkommenskultur" notiert.

Kristine Glatzel vom Förderverein Schloss Schwarzburg hat zum Abschluss den Bogen zum Namensgeber der Schwarzburger Gespräche geschlagen. Die Entwicklung von Schloss Schwarzburg mit Zeughaus, Fürstlichen Erlebniswelten und der Profilierung als nationale Demokratie-Stätte lässt nachhaltige Impulse für die Region erwarten. Als Botschaft der Schwarzburger Gespräche konnte Erika Kramer von der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten das Bekenntnis zum Schulterschluss der Region für das Projekt Schloss Schwarzburg mitnehmen. 

Die ausgesprochen breite Diskussion aller Beiträge hat wichtige Erkenntnisse für den weiteren Prozess aber leider auch einen Zeitverzug gebracht. Der Beitrag von Katrin Czerwinka (Kulturino e.V.) mit Informationen zu einem ganz besonderen Bildungsangebot in Unterweißbach/Quelitz konnte leider nicht mehr präsentiert werden.

Zu den Schwarzburger Gesprächen gehört immer auch eine Exkursion zu Praxisbeispielen vor Ort. 2014 stand unter anderem die Destillerie Lindner in Großgölitz auf dem Plan.

Von den Schwarzburger Gesprächen 2014 wird einiges in Erinnerung bleiben: eine offene, freundliche Atmosphäre; der gemeinsame Wille, die Dinge voranzubringen; die Bereitschaft, den Blick über den Tellerrand zu wagen. Herzlichen Dank an alle, die sich ehrlich und sachorientiert an den Diskussionen beteiligt haben. Dank an Andreas Martz (Gesellschaft für Arbeits- und Wirtschaftsförderung im Freistaat Thüringen), der sich als Schlagwortgeber profiliert hat. Die von ihm geprägten Begriffe „Resilienz-Residenz Schloss Schwarzburg“, „Schwarzburger Impulse“, „Der ländliche Raum als Gesamtkunstwerk“ werden uns im weiteren Prozess begleiten.

Herzlichen Dank an Burkhardt Kolbmüller vom LEADER Management, der uns in gewohnt unaufgeregter Art professionell durch die Veranstaltung geführt hat. Und schließlich gilt unser herzlicher Dank Thomas Günzel und dem Team vom Allianzhaus Bad Blankenburg, die den Schwarzburger Gesprächen 2014 hervorragende Gastgeber waren.

Einige der Vorträge finden Sie hier zum Nachlesen.

Einen Bericht über die Schwarzburger Gespräche wurde auch auf der Internetseite des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt veröffentlicht. Zum Nachlesen hier.